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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Echo-Effekt
Ein Spiegel zum Hören

 

Phänomen und Effekt quer durch die Genres: Das Echo

Als Schüler des Dub-Erfinders Lee "Scratch" Perry hat Mad Professor seinen Beitrag zur Emanzipierung des Echo-Prinzips in der Pop-Musik geleistet. Das Echo geht jedoch noch auf ganz andere Phänomene zurück: Der beliebte Gesangseffekt schon im Rock'n'Roll findet seine Vorläufer im Jodeln.

In allen Bergregionen der Welt gibt es das Jodeln - oder etwas ähnliches wie jenes auf Silben beruhende Rufen. Dem zugrunde liegt ein physikalisches Phänomen. Sind es doch gerade Gebirge mit ihren Mosaiken aus Tälern und Bergwänden, die jeden Schall mittels eines ganz besonderen Effekts weiter transportieren: mittels des Echos. Das Echo entsteht dann, wenn Klang auf eine Fläche trifft. Dann nämlich wird Klang reflektiert.

Seit jeher haben sich die Menschen diesen Umstand nutzbar gemacht; es gehört zu den anthropologischen Konstanten, in einen dunklen Raum hineinzurufen, um seine Größe und Beschaffenheit abzuschätzen! Zu den wichtigsten technologischen Erfindungen, die auf dem Phänomen des Echos basieren, zählt das Echolot. Das Gerät sendet Schall aus, um etwa die Tiefe des Meeres zu messen.

Jodeln und Rock'n'Roll

So ist auch die Faszination für den Effekt zu erklären: Ob Maria und Margot Hellwig in der Volkstümlichen Musik oder die Experimente des Duos Stimmhorn mit den "Zäuerlis" genannten Jodler und Schluchzer im Appenzeller Land, in der Folklore nimmt das Jodeln einen festen Platz ein. Über Bluegrass und verwandte Genres hat sie sich auch im Kern der US-amerikanischen Musik verankert. In den 1950er Jahren schließlich hat die Studiotechnik die ersten Echo-Effektgeräte entwickelt.

Das so genannte Ausgangssignal, nehmen wir das Rock'n'Roll -Wörtchen "Love", wird durch eine Kiste voller Magnetbänder geschickt. So verlängert es sich künstlich, es trifft ja auf eine Fläche. Erst nach dieser künstlichen Verlängerung wird es aufgenommen. Ein Echo ist erzeugt worden; ein künstliches zwar, dafür aber auch eines, das mit penibelster Sorgfalt eingesetzt werden kann. Ohne den Klang des Echo-Effektes sind die meisten Aufnahmen von Little Richard oder Bill Haley nicht denkbar: Aus "Love" wird "Love - ove - ove - ove...".

Dub macht den Effekt selbst zur Musik

Die Handhabung diverser Verschleppungs-, Vervielfältigungs-, Verzerrungs- und Beschleunigungseffekte von Schall geht im Verlauf der 1960er Jahre einher mit der aufkommenden Protestkultur: Wo "Selbsterfahrung" die subjektive Note eines politischen Aufbegehrens ist, wirkt die psychedelische Musik als akustischer Verstärker dieser Erfahrungen. Die Beatles lassen Aufnahmen rückwärts laufen, die Beach Boys beginnen, mit Echos zu experimentieren.

Endgültig emanzipiert sich der Echo-Effekt erst mit dem Dub von seinem Ausgangssignal. King Tubby und Lee "Scratch" Perry entwickeln seit den ausklingenden 1960er Jahren diese instrumentale Version von Reggae, und sie versuchen gar nicht erst, den Spannungsbogen des Gesangs zu ersetzen. Statt dessen richten sie mittels ihrer Spiele mit Equalizer, Phasern und Delays und Echos ein Chaos an. Ohne Dub sind alle Pop-Neuerungen seit den 1970er Jahre kaum denkbar: Ob New Wave mit seinen Reggae-Flirts, Detroit Techno und Dubtechno, Drum'n'Bass oder Dubstep. Wie man es in den Berg hineinruft, so schallt es auch wieder hinaus.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Cluster, Monster Magnet, Kode9, Goldie, Caribou, Nobody, Junip

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

The Beach Boys: Pet Sounds [1966]
Lee Perry The Mighty Upsetter: Kung Fu Meets The Dragon [1975]
King Tubby: Presents The Roots Of Dub [1976]
Cocteau Twins: Treasure [1984]
Massive Attack vs. Mad Professor: No Protection [1995]
V.A.: Heimatklänge Original Soundtrack [2007]
Basic Channel: BCD 2 [2008]
Animal Collective: Merriwether Post Pavillon [2010]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um alle Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Wie Indie in die Matrix ging (Indietronica), Verstärkung für den Song (Folk Rock) oder Ich bin zwei Stimmen (Obertongesang).