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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Deutscher R'n'B
Als Gott wiederkam

 

Schöne Stimmen loben IHN: R'n'B in Deutschland

Richtig groß wird R'n'B aus Deutschland erst, seit Moses Pelhams Produktionsfirma 3P eine Sabrina Setlur an der Schnittstelle von Rap, Soulharmonien und programmierten Beats groß macht. Von da an geht es allerdings ganz schnell: Mit Xavier Naidoo, Glashaus und Joy Denalane gibt es zunehmend beliebte Stimmen, die R'n'B auf Deutsch singen. Vorweg genommen hat alles ja eine kleine Mannheimerin: Joy Fleming und ihr Beitrag zum Grand Prix d'Eurovision 1974 namens Ein Lied kann eine Brücke sein.

R’n’B und Soul, die Musiken der afroamerikanischen Mittelschichten, erleben ab etwa Mitte der 90er Jahre einen Boom. Zuvor fristeten sie für gut 15 Jahre ein Schattendasein. HipHop zog in dieser Zeit alle Aufmerksamkeit auf sich. Erst TLC, Timbaland und Missy Elliott zeigen, wie zeitgenössisch R’n’B und Soul klingen können: Wie im HipHop legen sie das Gewicht auf den programmierten oder gesampelten Beat, und es entstehen Hits wie Waterfalls, womit TLC im Jahr 1994 die Charts dieser Welt regieren.

Im Laufe der Zeit bürgert sich der Begriff R’n’B für diese Musik ein, die auf expressivem Gesang, dem Kick der Beats und emotionaler Tiefenwirkung beruht. Für andere ist es eben "Urban" oder "Urban Soul", gerappt wird darin auch immer mal wieder, und mit dem klassischen Rhythm'n'Blues hat das kaum noch etwas zu tun. Doch wie im klassischen R'n'B wird viel von Gott gesungen: Über 90% der US-amerikanischen Bevölkerung gehören einer Kirche an. Und gerade die Gesangstalente des Landes werden durch die Reihe in den Gospelchören der Glaubensgemeinschaften entdeckt. Dieser R’n’B, wie wir ihn heute lieben, er spielt im Mainstream Pop eine dem HipHop längst ebenbürtige Rolle: Gott ist Chartsthema.

In Deutschland wird Pop besonders stark importiert. Das hat etwas mit der Geschichte des Landes zu tun, in dem nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Siegermächte Großbritannien und USA ihre Armee-Einheiten stationierten. Beim 1971 in Frankfurt-Rödelheim geborenen Immigrantenkind Moses Pelham ist es HipHop, den er als 12-Jähriger auf einer Reise mit seinem Vater durch dessen Herkunftsland USA entdeckt. Moses P wird als Harcore-Rapper und Teil des Rödelheim Hartreim Projekt 1994 die deutsche HipHop-Landschaft verändern, indem er das Debütalbum "Direkt aus Rödelheim" an die Spitze der Charts bringt. In großem Stil setzt er aber als Produzent und Betreiber des Labels 3P mit seiner Entdeckung Sabrina Setlur etwas in Gang, was es so nicht gibt: deutschsprachigen R'n'B.

Klar, es gab immer mal Coverversionen großer Soulhits. Und die Mannheimerin Joy Fleming hatte 1974 am Grand Prix d'Eurovision mit einem Rhythm'n'Bluesfetzer teilgenommen: Ein Lied kann eine Brücke sein. Ihr Ehrfurcht gebietendes Stimmvolumen brachte ihr denn auch als einziger Deutscher jemals einen Deal mit dem US-amerikanischen Soul-Label Stax ein. Doch Sabrina Setlur, die Moses P schon aus Frankfurter Schulzeiten kennt, wird eine ganze Strömung nach sich ziehen.

Zunächst noch mit dem Namen Schwester S als Hardcore-Rapperin unterwegs, ändert sie bald ihr Image und verröffentlicht seit 1997 als Sabrina Setlur ihre Tracks an der Schnittstelle von Rap, Soulharmonien und programmierten Beats. Es dauert nicht lange, da entwächst noch ein Mannheimer dem 3P-Dunstkreis: Xavier Naidoo geht als Background-Sänger von Setlur an den Start und endet als der Superstar des deutschsprachigen R'n'B. Neben einer butterweichen, silbrig glänzenden Tenorstimme verfügt er über einen Inhalt, und das ist sein Glaube.

Was immer Naidoo dazu verleiten mag, Mannheim für das neue Jerusalem zu halten: dem Publikum gefällt's, oder es nimmt diese religiösen Inhalte zumindest hin, obwohl gerade in Deutschland keine Tradition christlicher Popmusik besteht. Da auch der demografische Wandel einer sowieso schon ziemlich säkularen Gesellschaft eher in Richtung weniger denn mehr Gottesglaube tendiert, ist diese Wiederkunft Gottes in die deutschen Charts eher als Toleranzbeweis der kaufenden Schichten zu bewerten denn als gesellschaftlicher Indikator.

Das gilt auch für alle, die Naidoo und Setlur folgen und R'n'B mit deutscher Sprache verbinden. Aus dem Hause 3P ist inzwischen mit Glashaus wieder eine Gott verkündende Gruppe unterwegs, zu der auch Produzent Moses P selbst zählt. In Stuttgart bringt das Label der Fantastischen Vier, Four Music, ebenfalls immer wieder deutschsprachige Acts wie Joy Denalane oder Manumatei heraus. Mit R'n'B-beeinflusstem Pop reüssieren inzwischen auch Mainstream-Künstler wie Laith Al Deen, und die englischsprachige Sarah Connor versucht es gar auf dem US-Markt: Ihren Höhepunkt hat diese Musik noch nicht erreicht.

Weitere Meister dieses Genres sind:

Franziska, Söhne Mannheims, Linda Carriere, Cassandra Steen

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Joy Fleming: Joy Fleming und ihre großen Erfolge [1992]
Sabrina Setlur: Die neue S-KLasse [1997]
Manumatei: Manumatei [2001]
Glashaus: Glashaus [2001]
Laith Al-Deen: Melomanie [2002]
Joy Denalane: Mamani [2002]
Xavier Naidoo: Zwischenspiel - Alles für den Herrn [2003]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Wissen über Musik. Zum Beispiel in den Einträgen "The Matrix" zum Hören (R'n'B), Damit wird man King Of Pop (Urban Soul) oder Wir singen weiter (Soul).