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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Dancehall
Tanze diesen Rhythmus

 

Von Soundsystems und Riddims: Dancehall und seine Begriffe

Die Begriffe Reggae, Dancehall und Ragga sind so scharf nicht voneinander zu trennen. Das führt zu teilweise sich krass überlappendem Wortgebrauch. Dabei könnte man streng genommen eine Begriffs-Hierarchie bilden: alles ist Reggae, Dancehall ist der Oberbegriff für den Ort, an dem die Soundsystems spielen, wird seit den 80er Jahren aber auch synonym mit den digitalen Reggae-Produktionen des Ragga benutzt.

Der Begriff der Dancehall existiert ebenso wie der des Soundsystems bereits seit den 50er Jahren. Beide sind also schon länger im Umlauf als das Wort Reggae, das als Bezeichnung erstmals 1968 auftauchte - im Song Do The Reggay von Toots and The Maytals. Die Dancehall nämlich ist der Ort, an dem getanzt wird. Insofern kann Reggae also ebenso in der Dancehall laufen wie Ragga, Rocksteady und Ska. So hat die unterschiedliche Benutzung der Begriffe in erster Linie also inhaltliche und historische Ursachen. Und dennoch laufen die unterschiedlichen Verwendungsweisen richtungsweisender Autoren über das Musikgenre kreuz und quer; es macht schlicht keinen Sinn, für diesen oder jenen Sprachgebrauch zu argumentieren.

Sie seien daher an dieser Stelle nur kurz genannt und schließlich auf ihr Verhältnis verwiesen, wie im Eintrag über Ragga dargestellt. Dancehall wird seit den 80er Jahren als Beschreibung eines Musikstils benutzt, als nach einer spirituell und politisch geprägten Phase des Reggae mit Bob Marley als exponiertem Sänger und Songschreiber wieder der Spaß- und Tanzaspekt stärker betont wird. Diese Tendenz wird vorangetrieben von neuen digitalen Produktionsweisen: Der von Prince - später King - Tubby produzierte Under Me Sleng Teng ist 1985 der erste Track, der ganz auf digitale Art produziert wird. Und er ist ein Hit auf den Soundsystems.

In den Reggae-Hochburgen Großbritannien und Jamaika wird der rohkantige Sound des Dancehall bis etwa Mitte der 90er Jahre zum bestimmenden Klang der Soundsystems. Und in Großbritannien bürgert sich besonders für diesen Digital-Reggae die Bezeichnung Ragga ein, eine Abkürzung des jamaikanischen Slangworts "Raggamuffin" (Grabräuber), während auf Jamaika das Wort Dancehall weiterhin nicht zwischen analog und digital unterscheidet.

Der Riddim

Doch gibt es anhand des Begriffes Dancehall noch ein weiteres Schlüsselwort der Reggae-Musik zu klären, den Riddim. Under Me Sleng Teng ist etwa bis heute einer der bekanntesten Riddims geblieben: also ein Instrumental, das von vielen verschiedenen Sängern, Sängerinnen und DJs mit ihren Stimmen und eigenen Texten interpretiert ("gevoicet") wird. Einige der bekanntesten Riddims stammen aus den 70er und frühen 80er Jahren: Cherry Oh Baby von Eric Donaldson etwa regierte 1971 die Hitparaden Jamaikas und gilt längst als Riddim-Klassiker, während sich der Satta-A-Massagana-Riddim der Abyssinians in den letzten Jahren durch viele Interpretationen dazu emporgeschwungen hat.

Großes Pop-Potential beweist immer wieder der Diwali-Riddim mit seinen Handclaps, der 2003 und 2004 prominent wurde durch Lumidees Never Leave und Get Busy von Sean Paul. Seit Ende der 90er Jahre werden auch Riddims deutscher Produzenten, zum Beispiel von Pow Pow aus Köln oder Germaican Records aus Leipzig immer populärer, selbst im Mutterland des Reggae. Die meist gevoiceten Riddims aber kommen von Clement "Coxone" Dodd aus dem Studio One und von seinem ebenbürtigen Zeitgenossen Duke Reid. Merkwürdig ist, dass dieses Riddim-Verfahren in Zeiten von Karaoke und Sparzwang nicht längst eine größere Rolle im internationalen Pop spielt.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Ward 21, Beenie Man, Dennis Brown, Bounty Killer, Tanya Stevens, Dillinger, Shabba Ranks, Yellow Man

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Wayne Smith and Prince Jammy: Computerised Dub/ Sleng Teng [2000]
Clement "Coxsone" Dodd: Musical Fever '67 - '68 [2001]
V.A.: Greensleeves Rhythm Album #27 - Diwali [2002]
V.A.: Dancehall '69 - 40 Skinhead Reggae Rarities [2003]
V.A.: Duke Reid's Nuclear Weapon [2003]
The Abyssinians & Friends: Tree Of Satta [2004]
Pow Pow Productions presents: Blaze [2004]
T.O.K.: Unknown Language [2005]

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