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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

"Philly Soul"
Soviel Soul auf einmal

 

Dürfen wir vom "New Philly Movement" sprechen?

6 Millionen Einwohner, und alle machen Soul. Man müsste den Satz wohl noch etwas einschränken, um Philadelphia im Südosten von Pennsylvania treffend zu beschreiben. Doch seit Mitte der 90er Jahre tauchen regelmäßig Stimmen wie Bahamadia, Erykah Badu oder Jill Scott aus der City gleich um die Ecke von New York auf. Sie leben von einer täglichen Portion Soul-Vergangenheit und einer Gegenwart, in der Stadtgenossen wie The Roots HipHop live spielen und Sänger/DJ Vikter Duplaix House und Nu Jazz aus der ganzen Welt mitbringt.

Soul aus Philadelphia, das gab es doch schon einmal: In den 70er Jahren schickt das Produzententeam Gamble und Huff so viele Hits um den Planeten, wie eine Discokugel Lichtreflexe schillern lässt. In den Philly Sigma Sound Studios wird Soul modernisiert: Das Schlagzeug erhält mehr Gewicht und treibt filigran ausgetüftelte Arrangements aus Streichern und Bläsern vor sich her. Mit diesem Sound leiten The O'Jays, The Stylistics oder Harold Melvin & the Blue Notes nicht nur die zweite große Zeit des Soul ein.

Im Laufe der Neunziger Jahre bringt die City of Brotherly Love - so heißt es auf einem Cover der MFSB Band - erneut einen Schub für beseelte Musik. Die Verbindung zur Philly Sound-Vergangenheit stellt das neue Wunderkind der Stadt her: Vikter Duplaix. Als Produzent hat der 1972 geborene Duplaix nämlich bei Kenny Gamble und der HipHop-Konstanten Jazzy Jeff gelernt. Mit diesem "Von-der-Pike-auf-gelernt"-Background hat er Songs geschrieben, arrangiert und produziert, die dann von begabten Stimmen seiner Stadt wie D'Angelo, Musiq Soulchild und Erykah Badu in die Tat umgesetzt worden sind. Auch Nicht-Phillies wie Lauryn Hill und MC Common danken Duplaix für dessen Multitasking-Talente.

Die sind noch gar nicht alle genannt, denn Duplaix jettet auch durch die Welt, um als DJ seine Definition von House vorzustellen. Von seinen Reisen bringt er dann auch gerne mal Remix-Aufträge für Jazzanova mit. Oder er lernt in New York die beiden Masters At Work kennen und startet bei ihnen eine weitere Karriere: die eines Sängers. Nach der Zusammenarbeit mit Philadelphias feinem Househersteller King Britt und dessen Scuba-Pseudonym wird am 23. September 2002 das erste Album des Sängers Vikter Duplaix veröffentlicht. Und auch wenn es nicht den einen großen Star in Philadelphia geben kann - dafür gibt es einfach zu viele Hochbegabte dort - eignet sich diese Platte als Wegweiser durch die aktuellen Soul-Stile der Stadt. Nicht nur finden sich auf "International Affairs" hier und da die beseelten Housebeats, wie man sie von King Britt kennt. Auch Neo-Soul und organische HipHop-Instrumentals begleiten die Stimme von Duplaix.

Der ruhende Pol des Albums etwa, "Morena", flechtet mit der Trommel das Kommunikationsinstrument der afro-amerikanischen Vorfahren in die Soundlandschaft ein. Auch die Sonnenmystik ("You're The Daughter Of The Sunlight") des Textes ist ein Motiv des Neo-Soul der Neunziger Jahre: In ihren Texten und Live-Shows beschäftigen sich Erykah Badu und D'Angelo mit den Traditionen afro-amerikanischer Kultur. Badu ist bekannt dafür, während ihrer Live-Shows Schreine aufzustellen und Göttern zu huldigen, während sich der Afro-Mystiker D'Angelo intensiv mit den Bräuchen des Voodoo beschäftigt.

Weltlicher geben sich Bilal, der Badu seine "große Schwester" nennt, und Erykahs Kolleginnen in Sachen beseelter Rezitation. Die Dichterinnen und Sängerinnen in Personalunion wie Jill Scott, Ursula Rucker und Bahamadia teilen sich mit den spirituell Interessierten allerdings den charakteristischen Sound des Neo-Soul. Die Beats bumpern langsam, Luft und Transparenz spielen die Hauptrolle in der Produktion. So kann man sich Neo-Soul als auf's Nötigste reduzierten HipHop mit deepem Gesang vorstellen.

Bahamadias Album "Kollage" aus dem Jahr 1996 ist für diesen modernen Soul wegweisend. Trotz seiner Abstraktheit klingt das Album sehr organisch. Dieses warme Klanggefüge zeichnet auch nachfolgende Neo-Soul-Platten aus Philadelphia aus. Man könnte fast meinen, die Produzenten Gang Starr hätten sich beim Aufnehmen von "Kollage" von einem weiteren definitiven Philly Sound inspirieren lassen: dem der HipHop-Band The Roots.

Denn die sind nicht nur ewige Kumpels von Bahamadia, sondern begannen als gelernte Jazzer schon Ende der 80er Jahre damit, HipHop mit Instrumenten zu spielen. Ihr markanter Stil ist mit "organisch" noch nicht annähernd bezeichnet; ihre Tracks sind dermaßen von schlufrigem Leiern durchzogen, als hätte eine Blumenwiese im Frühjahr zuviel Bier getrunken und laufe in diesem Zustand noch eine Runde durch die Straßen der Stadt. Ihre Rolle innerhalb Philadelphias ist ähnlich bedeutend wie die von Vikter Duplaix, haben sie als Produzenten und Instrumentalisten doch bereits mit D'Angelo, Badu und Bahamadia gearbeitet. Das leicht schunkelnde "Morning Fun" auf Duplaixs Debüt erweist den The Roots die Ehre. Ein solch reger Austausch innerhalb der Stadt berechtigt also durchaus die Rede von einem "New Philly Movement". Als Bewegung, die ganz viele neue Philly Sounds mit sich bringt.

Die Meister des klassischen Philly Soul sind:

The Delfonics, The Intruders, Archie Bell & The Drells, The O'Jays, The Stylistics, The Spinners, Harold Melvin & the Blue Notes, Teddy Pendergrass

Schlüsselalben des New Philly Movement:

The Roots: Illadelph Halflife[1996]
Bahamadia: Kollage [1996]
Erykah Badu: Baduizm [1997]
D'Angelo: Voodoo [2000]
Jill Scott: Who Is Jill Scott? [2000]
Bilal: 1st Born Second [2001]
Ursula Rucker: Supa Sista [2001]
Vikter Duplaix: International Affairs [2002]

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