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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Post Rock
Mehr so eine Haltung

 

Im großen Dazwischen: Post Rock

Weniger noch als die meisten anderen Musik-Ettiketten ist "Post Rock" musikalisch herzuleiten. Ein Kritiker erfand die Bezeichnung für "Laughing Stock", jenes Album, mit dem Talk Talk die große Kehrtwende vollzogen: weg vom Chartpop und hin zu einer - Genres gerade auflösenden - Kammermusik im großen Feld zwischen Songwriting, Jazz-Harmonien und Ambient. Ihnen folgten im Laufe der 90er Jahre so verschiedenartige Gruppen wie Tortoise, Stereolab, The Sea and Cake oder das Kammerflimmer Kollektief.

Anfangs wird das Album schlichtweg ignoriert. Talk Talk hatten Mitte der Achtziger Jahre einige Hits wie Dum Dum Girl. Im Laufe der Zeit hatten sie sich musikalisch hörbar verändert, doch 1991 war es einfach zu lange her, dass man sie hätte im Fernsehen entdecken oder im Radio hören können. Dafür aber sollte "Laughing Stock" eine Wirkung von langer Zeit beschieden sein. Zum Thema für die Medien wurde die Platte vor allem dadurch, dass sie in den Interviews mit neuen, musikalisch interessanten Künstlern auftauchten: Bark Psychosis und Tortoise gehörten dazu.

Den Klang ausloten

Als ein englischer Journalist die Parallele zwischen den Talk Talk der Spätphase und den Londonern Bark Psychosis zieht, fällt ihm der Schule machende Begriff ein: Post Rock. Gemeint ist damit, dass beide Bands zwar mit klassischer Rockmusik aufgewachsen sind, doch sich längst davon entfernt haben, was die Wahl und den Einsatz von Instrumenten, den Songaufbau und die Haltung angeht. Den Talk Talk der "Laughing Stock"-Zeit geht es darum, Klang auszuloten - ein Anliegen, das eher aus akademischer und elektronischer Musik und dem Free Jazz bekannt ist, denn aus dem Rock. Selbst Anti-Mainstream Bewegungen wie Industrial oder Noise Rock hatten zuvor das Expressive des Rock'n'Roll nicht abgelegt.

In Chicago beispielsweise wird dieser Weg weiter verfolgt. Tortoise und The Sea and Cake sind die beiden Schule machenden Bands des Post Rock in Chicago. Tortoise verdichten Indie-Rock, Exotica, Ambient und Free Jazz zu augenblicklich spürbar werdenden Athmosphären und werden, besonders seit dem 1996 veröffentlichten Millions Now Living Will Never Die, zur Referenz-Gruppe für hunderte studentischen Bands weltweit. Die sich personell mit Tortoise überschneidenden The Sea and Cake dagegen mit ihrem Sänger und Songschreiber Sam Prekop pflegten ein überaus lässiges Songwriting, dass an die Lounge-Kultur der Sechziger Jahre ebenso erinnert wie an Bossa Nova und dem Impressionismus so mancher Folk-Musik.

Post Bavaria

Eine Brücke nach Großbritannien schließlich schlägt der Multi-Instrumentalist John McEntire: Das Mitglied von Tortoise und The Sea and Cake baut in den Neunziger Jahren in Chicago die SOMA-Studios, wo er unter anderem die Londoner Band Stereolab produziert. Diese Gruppe experimentiert mit 5/8- und noch vertrackteren Rhythmen, findet immer wieder sich spiralartig windende Gesangslinien und verpackt das Ganze schließlich in ein Aluminium-leichtes Sound-Design. Damit steht die, und auch das ist bezeichnend für die "anti-rockistische" Post-Rock-Haltung, gemischtgeschlechtliche Gruppe für einen weiteren Strang des Genres: Besonders in Großbritannien betreiben Laika, Broadcast oder Pram ihr Spiel mit derartigen Elementen, und daraus resultiert ein schwebender Space-Pop von psychedelischer Wirkung.

Das Kölner Duo Mouse On Mars dagegen, anfangs Label-Kollegen von Stereolab und Laika, widmet sich stärker einem tanzbaren Beat. Nicht nur die lokale Nähe ist es aber, die bei Jan St. Werner und Andi Thoma einen weiteren, für viele Post-Rock-Gruppen wichtigen historischen Einfluss heraus hören lassen: Krautrock. Can und Neu! etwa werden in den Neunziger Jahren in allerlei Munden geführt. Was dem Kraut Rock Köln und Düsseldorf, das ist Weilheim für Post Rock in Deutschland.

Seit Mitte der Neunziger Jahre entsteht in Oberbayern, zwischen Landsberg am Lech und Weilheim, eine Hochburg urbaner Musik inmitten der Provinz. Auch hier werden vom Komponisten Carlo Fashion, den Bands The Notwist, Lali Puna, Iso 68 und dem kleinen Orchester Tied And Tickled Trio musikalisch stark unterschiedliche Mittel benutzt. Verbindend wirkt eine Aufführungs-, ja eigentlich Lebens-Praxis, die weg will von der längst zur Schablone gewordenen Idee von Authentizität im Mainstream Rock.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

L'Altra, Tarwater, Fred Is Dead, Trans AM, Slint, Oren Ambarchi, Dirty Three

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

Talk Talk: Laughing Stock [1991]
Stereolab: Mars Audiac Quintet [1994]
The Sea and Cake: Nassau [1995]
Tortoise: Millions Now Living Will Never Die [1996]
Tied and Tickled Trio: Observing Systems [2003]
Kammerflimmer Kollektief: Cicadidae [2003]
Broadcast: Ha Ha Sound [2003]
V.A.: Late Night Tales mixed by Four Tet [2004]