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Noiserock
Frustration und Lärm

 

Im Noiserock traf die Kakophonie des Punk auf die Konvention des Rock

Ende der 70er Jahre fanden in New York die ersten Fusionen von Punk und artifiziellem Krach statt. Die von Brian Eno produzierte "No New York"-Compilation mit u.a. den Contortions legte den Grundstein für ein wildes Jahrzehnt der Kakophonie. Nur wenige Jahre später brachten die Swans mit ihrem malmenden, perkussiven Stampfen und die kreischenden Feedback-Orgien Sonic Youths Rockmusik an ihre Grenzen.

Die New Yorker Szene besaß für den Noiserock eine Vorreiter-Rolle. Die Swans und Sonic Youth waren so etwas wie Mäzene für eine Reihe neuer Krach-Bands, die sich vom Rock verabschiedet hatten und nach neuen Möglichkeiten im klassischen Gitarre/Bass/Schlagzeug/Gesang-Format suchten. Für Aufregung sorgten in New York Anfang der 80er Jahre auch einige australische Bands wie Nick Caves Band The Birthday Party mit ihrem Garage-Blues/Punk und die Swamp-Punks The Scientists, auf die sich viele Noiserock-Bands später beriefen. Die bluesige Komponente bekam im Laufe der Zeit eine immer größere Bedeutung, weil Bands wie Flipper, Jesus Lizard oder die Butthole Surfers begannen, ihre Frustrationen und Nihilismen in einem verdrehten, schleppenden Blues-Noise zu verarbeiten. Die psychotische Tonlage dieses Noise-Bastards ergab zusammen mit der aggressiven Grundstimmung den perfekten Großstadt-Blues.

Im Trashrock von Pussy Galore, der ersten Band von Jon Spencer, wiederum schepperte der Delta Blues wie auf einem alten Schrottplatz aufgenommen. Ab Mitte der 80er wurde auch die Chicagoer Musik-Szene um das Label Touch and Go immer wichtiger. Mit seiner Band Big Black brachte Steve Albini ein größtmögliches Maß an Struktur in den blanken Krach der frühen Sonic Youth und Swans. Albinis Gitarre erinnerte zwar eher an den Industrial, sein Spiel besaß aber eine manische Kontrolliertheit, innerhalb der jede Dissonanz absolut präzise ausgeführt wurde. Die markante Albini-Gitarre und die Feedbacks Sonic Youths wurden in den Achtzigern die prägendsten Sounds des amerikanischen Gitarren-Undergrounds, die Nachahmer bis in den Alternative Rock fanden. Mit seinen Bands Rapemen und Shellac perfektionierte Albini später seine Formel zu einer fast mathematischen Rockmusik: musikalisch beherrscht, strukturell durchrationalisiert und vertrackt, klanglich sachlich und trocken.

Drum Machines und Tape Loops

Ein anderer wichtiger Vertreter der New Yorker Schule war Jim Thirlwell aka Foetus aka noch ein Dutzend anderer Foetus-Pseudonyme. Unter Zuhilfenahme von Drum Machines und Tape Loops produzierte er einen ähnlich knalligen Sound wie Albini, der aber auch das kleine "Groove"-Einmaleins beherrschte. Seine Pionierarbeit auf dem Feld des "Disco Noise" machte ihn zu einem wichtigen Produzenten der 80er und 90er Jahre, auf den sich später u.a. auch die Nine Inch Nails beriefen.

Zu den ersten Verfremdungseffekten kam es mit Melvins und den Butthole Surfers. Ihre Musik war noch an klassischen Rock/Hardrock angelehnt, setzte aber dem Hörverständnis des typischen Rock-Fans hart zu. Während die Melvins mit übertriebenen Tempoverschleppungen spielten und der Musik damit den "Rock" nahmen, versetzten die Butthole Surfers ihre Texas Psychedelia mit Captain Beefheart-Gegniedel und Schweinerock-Elementen zu einem grotesken Zerrbild von Rockmusik (auf visuell auf dem Cover ihres Albums "Hairway to Steven"). Nach dem großen Alternative Rock-Hype um Nirvana waren ausgerechnet die Melvins und die Butthole Surfers zwei der ersten Bands, die von Major-Labels gesignt wurden.

Sehr früh erwischte es auch die New Yorker Band Helmet, die Anfang der 90er zusammen mit Unsane einen neuen Typus im Noiserock repräsentierte: aggressiv-verzerrte Gitarren, die den ebenfalls verzerrten Gesang fast schluckten, ein z.T. Melodie-führender Bass, und das für New York typische Jeans/T-Shirt/Baseball Cap-Outfit. Noiserock hatte sich den Konventionen des Rock wieder genähert, lärmte aber wie aus dem Proberaum.

Dissonante Extravaganzen

Ab 1994 versuchte das Chicagoer Label Skin Graft mit Bands wie US Maple, Bobby Conn und den Flying Luttenbachers die Einflüsse des No Wave noch einmal aufzugreifen, und veröffentlichte einige dissonante Extravaganzen zwischen Mathrock, Noiserock und FreeJazz. Die größte Leistung Skin Grafts war allerdings ihr Support der japanischen Noise-Szene um die Boredoms, die Ruins, Zeni Geva und Melt Banana. In Tokyo und Osaka hatte sich in den 90ern die avancierteste Form von Krach seit der No New York-Schule entwickelt. Dieser "Japan Noise" war cartoonesk, hysterisch und stark europäisch beeinflusst (Krautrock, Psychedelic, Grindcore, Jazz), hatte diese Einflüsse aber ? wie fast alles in der Popkultur Japans ? zu etwas genuin Japanischem mutieren lassen.

In den späten 90ern erlebte die amerikanische Noiserock-Szene schließlich einen herben Kahlschlag: Wichtige Label wie Trance Syndicate und AmRep machten Pleite, Touch and Go orientierten sich völlig um und Skin Graft schlitterte von einer finanziellen Krise in die nächste. Dementsprechend bescheiden sieht es mit Noiserock heute auch aus: Die 7"-Single ist wieder zum wichtigsten Medium geworden.

Weiter Meister dieser Strömung sind:

The Gun Club, Chrome, Happy Flowers, Cows, God Bullies, Laughing Hyeanas, Tar, Today Is The Day, Mutter

Ein paar Alben mit Schlüsselqualitäten:

V.A.-No New York [1979]
Birthday Party: Prayers onFire [1981]
Swans: Filth [1983]
Foetus: Hole [1984]
Sonic Youth: Bad Moon Rising[1985]
Gun Club: Mother Juno[1986]
Big Black: Atomizer[1986]
Butthole Surfers: LocustAbortion Technician [1987]
Melvins: Glue PorchTreatments [1987]
Pussy Galore: Right On[1989]
Helmet: Strap it on[1990]
Unsane: sft. [1990]
Jesus Lizard: Liar [1992]
US Maple: Long Hair in three Stages [1995]