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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Indietronic
Wie Indie in die Matrix ging

 

Digitalisierung des melancholischen Schluffitums: Indietronic

Aus Krautrock, Indie-Pop und Electronica entwickelt sich im Laufe der 90er Jahre eine neue Soundästhetik: Indietronic wird sie von den prägenden Magazinen und Websites genannt. Der Begriff meint einen Klang, in dem digitale Produktionsweisen und klassischer Pop-Quartett-Sound in einem subjektiven Fließen aufgehen. Wie zum Beispiel bei The Notwist, Caribou oder James Figurine.

Es ist die Geschichte der Informatisierung einer Jugendkultur: Als Ende der 90er Jahre die maßgeblichen Internetseiten und Magazine mit dem neuen Begriff "Indietronic" auftauchen, ist er fast auch schon wieder abgeschlossen. Die unter dem Genrebegriff zusammengefasste Musik dagegen hat sich da längst eingeschrieben in das Vokabular des Indie-Pop. Was war passiert?

Die 90er Jahre sind das Jahrzehnt, in dem sich der Begriff des "Personal Computer" auf breiter gesellschaftlicher Ebene durchsetzen konnte. Alle Bereiche wurden nun informatisiert. Auch Dienstleistungen wie Entertainment wurden nun mittels des persönlichen Rechners erledigt.

In diesem Zusammenhang entstand bereits in den mittleren 90er Jahren eine neue Ästhetik innerhalb des Indie-Pop. Der Synthesizer erlebte nach Krautrock in den 70er Jahren ein Comeback. Ebenso wie die Drum Machine, eine Art persönlicher Rhythmus-Computer: Techno und House hatten einen Sound des Artifiziellen geprägt. Neue Bands, die zunächst hauptsächlich auf den beiden englischen Labels Too Pure und Warp veröffentlichten, flochten diesen Klang der Künstlichen Intelligenz in völlig verschiedenartigen Weisen in den typischen Indie-Schluffi-Song ein. Stereolab und Laika etwa zelebrierten einen eleganten Retro-Futurismus, Broadcast wagten sich mit Gewinn an die Grenzen psychedelischer Spinnereien. Seefeel und Mouse On Mars dagegen operierten zunächst auf Grundlage des repetitiven Beats, der dann mittels Synthesizer, Live-Schlagzeugen und Live-Bässen in unerwartete Regionen humanen Zusammenspielens gesteuert wurde.

Die niederbairische Sage

Zu der Zeit war die begriffliche Verschmelzung von "Independent" und "Electronica" noch nicht im Umlauf. Erst mit dem weltweiten Erfolg einer Szene aus Niederbayern ging die Sage vom "Indietronic" in Umlauf. In ihrem Zentrum stand die Band The Notwist aus Weilheim. Anfangs von den Brüdern Michael und Markus Acher als Hardcore-Gruppe gegründet, wandten sich die Achers mit dem Album Shrink 1998 einem stärker experimentierenden Sound zu. Hier wurden melancholische Popsongs in die Weite suchender Synthesizer-Sounds getaucht oder auch mit einem geloopten Beat zum Laufen gebracht. Bald schon war klar, dass auch befreundete Bands aus der Gegend ähnliche Vorstellungen von Pop-Musik haben: Lali Puna schrieben ein neues Kapitel im fragilen Songwriting, Console züchtete Vocoder-Stimmen zu Electro-Tracks heran, und die Weilheimer Supergroup Tied And Tickled Trio brachte auch noch den Jazz mit ins Spiel.

Aufgrund des nun überall erschwinglichen Produktionsmittels namens Computer lag diese neue Legierung disparater Elemente in der Luft. Insofern kann man nicht davon sprechen, dass die Weilheimer Szene direkt von weltweitem Einfluss gewesen sei. Zumal etwas früher, und auch noch parallel verlaufende Entwicklungen wie der Post Rock nicht scharf von Indietronic zu trennen sind.

Songs am Computer

Eher kam man auch anderswo auf die Idee, am Computer keine Tracks, sondern eben Songs zu entwerfen. Die US-Label Mush und Anticon Records etwa veröffentlichten psychedelischen Singer/ Songwriter Rap von cLOUDDEAD, instrumentale Tracks des Produzenten Boom Bip oder später, im Jahr 2006, elektronisch verdrehten Folk-Pop von Nobody & Mystic Chords Of Memory.

Neben Nobody aus L.A. arbeiteten auch die Produzenten Caribou (ehemals Manitoba) und Four Tet an Beats, die ihren Ursprung im HipHop hatten, mittels Psychedelia und FreeJazz aber mächtig weiter gepusht wurden. Der große transatlantische Indietronic-Schulterschluss erfolgte schließlich 2005, als die Acher-Brüder mit der Indietronic-Gruppe Themselves die Supergroup 13 & God ins Leben riefen. Abgeschlossen ist Indietronic damit längst nicht.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

Chica and The Folder, Robert Lippok, Static, Khonnor, Milosh, The Books, Tarwater

Einige Schlüsselalben dieses Genres:

The Notwist: Shrink [1998]

Mum: Yesterday Was Dramatic, Today Is Okay [1999]

Lali Puna: Tridecoder[1999]

Giardini di Miro: Rise And Fall Of Academic Drifting [2001]

Xela: Tangled Wool [2004]

V.A.: Anticon Label Sampler 1999 - 2004 [2004]

V.A.: Monika Force [2005]

James Figurine: Mistake Mistake Mistake Mistake [2006]

Caribou: Swim [2011]

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Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um alle Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Über den Folk hinaus (Singer/Songwriter), Die verrückten Kids aus Nordengland (Electronica) oder Can You Feel It? (House).