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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Garage Rock
Außer Rand und Band

 

Wild klingt besser als virtuos: Garage Rock

Der Sound von Garage Rock nimmt in einigen Punkten den Punk vorweg. Mitte der Sechziger Jahre kommt die Bewegung vor allem unter US-amerikanischen Jugendlichen in Mode, die den neu entstandenen Star-Kult im Rock ebenso satt haben wie "Virtuosität" und andere Kriterien der maßgeblichen Kritik. Bands wie The Seeds, The Sonics, The Thirteenth Floor Elevators oder hierzulande The Monks können es gar nicht ungestüm genug haben.

Ihre Namen klingen wie Schülerscherze - The Hangmen, The Ugly Ducklings, The Sinners, The Monks, und die meisten Bands von ihnen sind schon bei ihrer Gründung nicht viel mehr als das. Trotzdem - oder gerade eben deshalb - ist der Einfluss des Garage Rock auf die Musikgeschichte kaum überzubewerten. Denn diese Zusammenrottungen US-amerikanischer High-School-Kids, denen es mindestens ebenso um das Zusammensein geht wie um das Musikalische, nehmen Punk Rock nicht bloß in ihrer Ablehnung von Starkult und Kommerzialismus vorweg: sie tragen eben auch die Geschichte von Pop, die wie im Skiffle und im Mersey Beat immer auch eine der Selbstermächtigung und des Do-It-Yourself-Gedankens ist, weiter in eine Zukunft, in der sie dann ihrerseits wieder von Punk, NDW oder später Techno aufgegriffen werden.

So geht es den Bands eben nicht um virtuose Geräte-Handhabung - die wird als "Ideen-Töter" sogar oft abgelehnt - sondern um den wilden Auftritt, das derbe Abgehen, den geilen Moment, in dem es im schöneren Pop immer geht. Schnell hackt das Schlagzeug, mindestens nah am Kreischen klingt der Gesang, und die scheppernden Gitarren sollen sich ruhig überschlagen. Dazu lassen diese Jugendlichen ihre Haare wachsen und streben die Einheitskleidung Lederjacke plus enge Jeans plus spitz zulaufende Lederstiefel an. Organisiert sind The Seeds, The Sonics, The Thirteenth Floor Elevators oder The Sparkles in regionalen Szenen wie heute noch im Hardcore Punk; lokale Radios und selbst gemachte Plakate sorgen für die Kommunikation. Wenn das Phänomen größtenteils auf die USA beschränkt bleibt, so hat es doch im Freakbeat seinen Mitläufer in Großbritannien und landet mit The Monks in besonders illustrer Form auch in Deutschland.

Die Gruppe besteht aus vier Ex-G.I.s, die nach ihrem Army-Aufenthalt zu Beginn der 60er Jahre unter dem Namen Torquays ziemlich brav ein paar Oldies covern. Mit dem Aufkommen der Garage Rock-Bewegung nennen sie sich in The Monks um, lassen sich Tensuren schneiden und treten in Kutte auf die Bühne. Dazu spielen sie Songs, die von betrunkenen Nonnnen und Ähnlichem handeln. Mit ihren wilden Orgel-Läufen und elektrischen Banjos werden sie zwar zeit ihres Bestehens nie mehr als eine in der BRD-Garage-Szene beliebte Band; dafür sind sie wegen ihrer merkwürdigen Geschichte inzwischen ein Sammler-Fetisch weltweit.

Immer wieder zurück

Überhaupt ebbt bereits um 1968 die ganze Begeisterung etwas ab; man wird halt älter, und möchte dann doch auch mal musikalisch etwas anderes hören als zwei, drei Akkorde und Songs über unglaubliche oder untreue Mädchen. Denn auch da ist Garage Rock seinen Nachfolgern ganz ähnlich - die heilige Sache des Bescheidwisser-Anti-Mainstream-Undergrounds ist in erster Linie den jungen Männern vorbehalten. Zu den bekanntesten Namen, die heute als direkte Punk-Vorläufer gehandelt werden, zählen dann Iggy Pop & the Stooges und MC 5 - auch sie machen Garage Rock, haben aber im Fall der Stooges mit Iggy einen Frontmann mit Star-Potential, während MC 5 wegen ihrer expliziten politischen Aussagen unter den Polit-Rock subsumiert werden.

Mit dem späteren Patti Smith-Gitarristen Lenny Kaye und dessen Compilation "Nuggets" beginnt 1972 die historische Aufarbeitung jenes noch heute in weiten Teile unerkundeten Feldes. Mit dem Album setzt ein neues Interesse an den Garage Rock-Bands ein; und das Wort "Punk Rock" verdankt seine Popularität nicht zuletzt Kaye, der es in seinen Liner Notes bereits angesichts der Garage Bands benutzt. Mit den Fuzztones und den Miracle Workers erleben die 80er Jahre ein Revival der Musik. Zuletzt schlägt sie sich nieder im ungestümen Rock'n'Roll-Ideal der Nuller Jahre, in Bands wie The Strokes, Mando Diao und nicht zu vergessen den White Stripes. Bei Garage Rock stellt sich wegen seines immer wieder belebten DIY-Ideals allerdings nicht die Frage, ob er irgendwann wieder kommt; sondern schlicht die nach dem Wie.
(cb)

Weitere Meister dieses Genres sind:

The Remains, The Other, Spiders, Hysterics , The Fallen Angels, The Sinners, Misunderstood

Einige Schlüsselalben dieses Genres sind:

The Monks: Black Monk Time [1966]
The Seeds: The Seeds [1966]
MC 5: Kick Out The Jams [1969]
V.A.: Pebbles Vol. 1 [1979]
The Fuzztones: Flashback [2002]
The Sonics: Introducing The Sonics [2004]
The Thirteenth Floor Elevators: Going Up [2004]
V.A.: Garage Beat 66 [2004]