Start | Genres  | Alternative | Chillwave

GENRES

Info

Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Chillwave
Weich wie WiFi

 

Aktualisierter Schluffi-Pop: Chillwave

Tendenzen des Watteweichen tauchen gerade im Indiepop immer wieder auf. Nach etwa Shoegaze und durchaus von Ambient und Elektronika beeinflusst, taucht in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre zunächst in den Blogs der Begriff "Chillwave" auf. Für Solo-Namen und Gruppen wie Toro Y Moi, Panda Bear, Memory Tapes oder Telepathe – für eine Musik, die das Verschwommene liebt.

Da es in Deutschland keine Colleges gibt, vermochte sich im Land der Begriff des "College Rock" nie zu etablieren. Für manche Klärungen eignet er sich dabei ideal. Zum Beispiel ist es das College, wo jene Identitäten herausgebildet werden, die abseits von Norm-Männlichkeit und Norm-Weiblichkeit liegen. Der brilliante Schriftsteller Simon Reynolds identifiziert in seinem Klassiker über die Geschlechter in der Pop-Musik gar den Typus des "Psychedelic Mother's Boy", den Jungen der psychedelischen Mutter also.

Langer Vorrede kurzer Sinn: Bei Chillwave haben wir es mit einer Aktualisierung der Musik dieses Jungen zu tun, wobei auch die Töchter längst mitreden. Noch bevor der Indie Pop seine Züge annimmt, suchten Psychedelic und Kraut Rock nach der Auflösung der Ich-Grenzen, nach der Vermengung mit dem Kosmos und anderen, großen Prinzipien. Mit New Wave finden sich bereits Vorläufer des Chillwave: Eine Band etwa wie die Cocteau Twins spielt ein Spiel mit Kälte und Hitze, klirrend klare Sounds fließen in den Äther und werden eins.

Die Blogs entdecken etwas

Zu Beginn der 1990er Jahre sind es dann Shoegazer wie Ride und Chapterhouse, die ein neues Kapitel des psychedelischen Kuschelkindes spielen. Große Hallräume und weite Echos treffen auf verträumte Stimmen und schmächtige Schultern. Gegen Ende der 2000er Jahre beginnen die Spezialisten-Blogs, ein neues Phänomen zu beschreiben. Diesmal klingt dieser spezielle Indie-Pop nochmal anders: weniger präsent, beziehungsweise "sogar noch weniger präsent". Die Gesangsmelodien von Toro Y Moi oder den Memory Tapes wirken wie ein dunkelblaues T-Shirt, das zu lange dem Licht der Sonne ausgesetzt gewesen ist. Dazu nutzen sie Samples und öffnen Indie so gegenüber Electronica oder HipHop.

Genau das möchte der Begriff "Chillwave" sagen. Er kommt aus der Blogosphäre und spielt das Heiß-Kalt-Schema durch; allerdings mit weniger Dramatik, als es etwa die Cocteau Twins zuvor getan haben. Solo-Acts oder Duos stehen meistens hinter den Namen. Panda Bear (großes Bild) ist ein Sonderfall, macht er doch schon das gesamte Jahrzehnt über Musik als Teil seiner sich ständig wandelnden Band Animal Collective.

Ebenso aus Brooklyn sind Telepathe , deren Sound klingt wie eine Multiplikation von Synthie-Poppern wie OMD mit den Cocteau Twins. Viele der Alben entstehen zuhause: Entsprechend dünn klingt ihr Frequenzspektrum. Und da Chillwave das erste Phänomen ist, das von den Hipster-Blogs hervorgebracht wird, tauchen zwei Jahre nach dem Auftauchen des Begriffes schon die ersten Abgesänge auf. Es könnte aber auch umgekehrt sein: Zu Beginnn des zweiten Jahrzehnts entwickelt sich der fluide Sound der drahtlosen Web-Gesellschaft.

Mit Witch House jedenfalls und einer Band wie Salem ist so etwas wie die böse Schwester des psychedelischen Mutterkindes aufgetaucht: fauchende, zischende Drum-Programmierungen, heruntergestimmte Bassläufe. Bleibt abzuwarten, ob das nur eine kurze Wendung ist. Oder ob daraus vielleicht etwas ganz Neues entsteht.
(cb)

Weitere Künstler dieses Genres sind:

Baths, Blood Diamonds, Lone, Lenticular Clouds, Southern Shores, Norman Palm, Small Black, Mood Rings, Com Truise

Schlüsselalben dieses Genres sind:

Ariel Pink's Haunted Graffiti: Worn Copy [2005]

Telepathe: Dance Mother [2009]

Panda Bear: Person Pitch [2009]

Neon Indian: Psychic Chasms [2010]

Washed Out: Life Of Leisure [2010]

Memory Tapes: Seek Magic [2010]

Toro Y Moi: Underneath The Pine [2011]

John Maus: We Must Become The Pitiless Censors... [2011]

Interesse geweckt? Im Genrelexikon bietet musicline.de noch mehr Informationen rund um alle Musikstile an. Zum Beispiel in den Einträgen Über den Folk hinaus (Singer/Songwriter), Musik für die Computerwelt (Synthie-Pop) oder Das weite Feld... (New Wave).