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Das musicline.de-Genrelexikon bietet Hintergründe zu den verschiedensten Stilen und Phänomenen in der Musik. In jedes Thema führt ein kurzer Text ein, der die wichtigsten Entwicklungen, einflussreichsten Künstler und besten CDs vorstellt. Das Genrelexikon erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wird fortwährend erweitert und aktualisiert.

Alternative Country
The Dark Side Of The West

 

Die staubige Geschichte des "Alt.Country"

Country ist nicht gleich Country. Nicht erst seit Lambchop und Johnny Cashs Siebzigstem ist das Interesse an Outlaws und gebrochenen Helden wiedergewachsen, wie ein Ritt durch die nächtliche Prairie belegt.

"Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist." Dieser Satz des Schrifstellers Selim Özdogan beschreibt vielleicht am treffendsten die Grundstimmung der Musik, die seit einigen Jahren unter dem Namen "Alt(ernative) Country" oder auch "Insurgent Country" aufräumt mit dem klinisch sauberen Image des Meister Proper Cowboys, wie ihn etwa Garth Brooks verkörpert Zwar ist der kommerzielle Country, wie er in den Studios Nashvilles nach wie vor am Fließband gefertigt wird, nach wie vor ein wichtiger Rückhalt der amerikanischen Musikindustrie, kreative Innovationen sucht man dort allerdings vergebens.

Dabei war das nicht immer so. In den 20er und 30er Jahren war Country die Musik der großen Depression in den USA, die als Kehrseite der Goldenen Zwanziger die Menschen ergriffen hatte.

Industrialisierung und Verstädterung sorgten für eine Entwurzelung, die in der Musik früher Country Sänger wie Jimmie Rodgers und der Carter Family ein große Rolle spielte. Ein eher aus der Folkszene stammender Sänger wie Woody Guthrie besang das Leben der Hobos, der ersten Obdachlosen, die auf Güterzügen quer durch das Land zogen.

In den frühen fünfziger Jahren brachte dann Hank Williams, der heute als der Gründervater des Alt.Country angesehen wird, den Blues in die Country Musik ein. Von diesem Zeitpunkt an verlief die Entwicklung der Country Musik auf zwei verschiedenen Bahnen. Während der kommerzielle Country die ursprüngliche existenzielle Angst zu einer verklärenden Nostalgie verharmloste, gab es auf der anderen Seite immer wieder Außenseiter, die genau diese Angst und Verlorenheit zum Thema machten. Zwar gab es Grenzläufer wie Johnny Cash, der trotz seiner düsteren Seiten zum weltweit sicher populärsten Country-Sänger aufstieg, doch selbst dem Man in Black war die Country Industrie nicht immer wohlgesonnen. Zu unberechenbar, zu risikofreudig war der Mann, der in Gefängnissen spielte und sich auch zu Fragen der Zeitgeschichte kritisch zu Wort meldete.

Andere, wie Townes van Zandt oder Nanci Griffith, waren in ihren Texten schlicht zu anspruchsvoll, um der schlichten Trucker-Mentalität Genüge zu tun, die immer wieder als Klischee des Country herhalten musste. So gab es auch in den 70ern und frühen 80ern immer wieder einzelne Künstler wie etwa Jonathan Richman oder Billy Bragg, die sich dem Erbe eines Hank Williams verpflichtet fühlten, doch führte diese ernsthafte Seite des Country längere Zeit ein Schattenleben.

Erst Ende der 80er dann interessierte sich eine neue Zuhörerschaft für die alten Outlaws. Aus der Post-Punk und Indie-Szene kamen neue Acts, die erkannten, dass Country in seinen Anfängen durchaus als eine Art Vorläufer des Punks betrachtet werden kann. 1990 brachten mit Uncle Tupelo und Reverend Horton Heat gleich zwei Bands aus der Punkszene Platten heraus, die sich klar an einer Neuaufnahme der alten Country-Tradition versuchten. Zur klassischen akustischen Instrumentation kamen nun zwar E-Gitarren und Schlagzeug hinzu, aber der Gesamtsound blieb doch klar den Vorbildern verpflichtet. In einer ruhigeren Version hatten schon zwei Jahre zuvor ihre Trinity Sessions, auf denen wie selbstverständlich ein Hank Williams Song neben einem Velvet Underground Cover Platz fand.

In den letzten zehn Jahren vergrößerte sich die Zahl der nun auch so betitelten Alt.Country Acts, und die Entwicklung mit dem Erfolg einer eigentlich so randständigen Band wie Lambchop auch in den vergangenen zwei Jahren zum Thema diverser Mainstream-Medien geworden. Passend zum 70. Geburtstag Johnny Cashs vor wenigen Wochen ist das totgesagte Genre Country nun wieder in aller Munde, und ein Ende ist nicht abzusehen. Denn Outlaws wird es immer geben.

Weitere Meister des Genres sind:

Giant Sand, Handsome Family, Grace Braun, Mark Eitzel, Dakota Suite, Josh Rouse, Tarnation

Ein paar Alben mit Schlüsselqualitäten:

Hank Williams: "I Saw The Light" (1956)
Townes Van Zandt: "Our Mother the Mountain" (1969)
Guthrie, Woody: "Library Of Congress Recordings" (1988)
Cowboy Junkies: "The Trinity Sessions" (1988)
Reverend Horton Heat: "Smoke 'em if You Got 'em" (1990)
Uncle Tupelo: "89/93: An Anthology" (1993)
Lambchop: "How I Quit Smoking" (1996)
Carter Family: "On Border Radio, Vol. 2" (1997)
Steve Earle: "El Corazon" (1997)
Diverse: "Loose. New Songs From The Old West" (1998)
Freakwater: "Springtime" (1998)